Stellungnahme der gtö
anlässlich der Ablehnung des Urwaldschutzgesetzes durch den Deutschen
Bundestag am 29.06.2006
- Die Gesellschaft für Tropenökologie (gtö) bedauert, dass die erste Lesung des Urwaldschutzgesetzes im Deutschen Bundestag am 29.06.2006 nicht zu einer gesetzlichen Regelung zur Eindämmung des Handels mit illegal eingeschlagenem Holz geführt hat.
- Die gtö bedauert des weiteren, dass diese Lesung nicht dazu genutzt wurde, die tiefer liegenden Gründe der Vernichtung von Naturwäldern (”Urwäldern”), v.a. von Wäldern in den Tropen, anzusprechen und über effiziente Maßnahmen zur Eindämmung der Tropenwaldzerstörung nachzudenken und deren Implementierung voranzutreiben.
- Die gtö ist der Ansicht, dass die nach wie vor rasch voranschreitende und von allen Parteien als sehr problematisch erkannte Tropenwaldzerstörung nicht allein mit singulären Maßnahmen wie dem - im nunmehr abgelehnten Gesetzentwurf - vorgesehenen Verbot der Einfuhr und des Handels von illegal geschlagenem Tropenholz gestoppt werden kann.
- Eine der bedeutendsten Ursachen für die Vernichtung von Tropenwald mit seiner reichen kulturellen und biologischen Diversität liegt in der Umwandlung in landwirtschaftliche, im industriellen Maßstab genutzte Produktionsflächen (Soja, Ölpalmen, Gummibäume, Holzplantagen, Rinderzucht), die zu einem großen Teil von kapitalstarken nationalen und internationalen Investoren finanziert werden, die in erster Linie die Industrieländer beliefern. Für einen planmäßigen, politisch und ökologisch vertretbaren mittel- und langfristigen Umgang mit Wäldern hat sich in vielen Ländern die Erarbeitung eines nationalen Waldprogramms bewährt. Die Förderung solcher partizipativer Prozesse unter Respektierung der Rechte traditionell waldbewohnender Gemeinschaften und die Unterstützung der Rechtsstaatlichkeit und Rechtssicherheit stellen wichtige Beiträge zur Tropenwalderhaltung dar.
- Eine weitere wichtige Ursache für die endgültige, großflächige Tropenwaldvernichtung ist die Umwandlung in landwirtschaftliche Nutzflächen durch den Brandrodungshackbau von Kleinbauern, daher empfiehlt die gtö u.a. auch hier anzusetzen. Es müssen alternative Einkommensquellen für die meist bitterarmen Kleinbauern geschaffen werden. Programme der Bundesregierung, welche die Bekämpfung der Armut dieser Kleinbauern zum Ziel haben, könnten ganz wesentlich zum Erhalt der Tropenwälder beitragen und sind demzufolge als effiziente Urwaldschutzmaßnahmen anzusehen. Die besondere Rolle, welche Indigenen-Territorien beim Erhalt von Wäldern spielen können, verdient stärkere Beachtung.
- Die Holznutzung im Tropenwald - die illegale wie die legale - wirkt auch dadurch besonders schädigend, dass sie ein Erschließungsnetz im Tropenwald hinterlässt, das gezielt zur Ausweitung des Brandrodungshackbaus und zur agroindustriellen Erschließung genutzt wird. Dem kann nach Ansicht der gtö nur entgegen gewirkt werden, wenn Einfluss auf die Regierungen der Tropenwaldländer genommen wird, um diese von einseitigen Förderprogrammen zur Tropenwaldbesiedelung abzubringen und sie zu einer transparenten und an den langfristigen Bedürfnissen des Landes und seiner Bevölkerung orientierten Landnutzungspolitik zu bewegen. Hierzu gehört eine effektive Landnutzungsplanung und Schwerpunktsetzung für Naturwaldschutz, sowie Konzentration und Intensivierung der Landnutzung auf bereits bestehende Sekundärwald-, Brach- und Landwirtschaftflächen.
- Eine nachhaltige, ökologisch verträgliche Holznutzung ist in vielen Tropenwaldregionen nach Ansicht der gtö durchaus möglich und im Sinne der dringend gebotenen wirtschaftlichen Entwicklung der meist sehr armen Länder auch anzustreben, wobei aber nach wie vor massive Kenntnislücken hinsichtlich der nachhaltigen Bewirtschaftung herrschen. Die Forschungsförderung in diesem Bereich muß als wichtiger Bestandteil der Entwicklungszusammenarbeit intensiviert werden.
- Die Einführung von nachhaltigen Wirtschaftsweisen in den verschiedenen Tropenwäldern erfordert damit zum einen die Erarbeitung grundlegenden ökologischen Wissens und zum anderen den Aufbau einer funktionierenden Forstverwaltung. Bei beidem empfiehlt die gtö der Bundesregierung, weiterhin gezielt deutsche Experten zu entsenden, die bei der Aufbauarbeit und wissenschaftlichen Begleitung helfen können.
- Holz, das nachweislich aus nachhaltiger Wirtschaft stammt, sollte im Handel besser gestellt werden als Holz, bei dem dieser Nachweis nicht erbracht werden kann. Die gtö würde ein von der Bundesregierung geschaffenes positives Anreizsystem sehr begrüßen.
- Die bestehenden Zertifizierungssysteme für Holz aus Tropenwäldern müssen nach Ansicht der gtö unbedingt im Hinblick auf die Erzielung der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit weiterentwickelt und in ihrer Kontrollfunktion ausgebaut werden. Insbesondere muss die bislang noch unvollständig erfasste Vermarktungskette von Holz (”Chain of Custody”) voll einbezogen werden. Eine entsprechende Verstärkung der Entwicklungszusammenarbeit mit Forstministerien und der Forst- und Holzindustrie kann die Situation in den Tropenwaldländern entscheidend verbessern.
- Eine Selbstverpflichtung der holzverarbeitenden Industrie auf die ausschließliche Verwendung von zertifiziertem Holz würde von der gtö als wesentlicher Schritt in die richtige Richtung angesehen werden.
- Die nächste Vertragsstaatenkonferenz der Konvention über biologische Vielfalt (CBD-COP 9) wird im Jahre 2008 in Deutschland stattfinden. Damit bietet sich eine hervorragende Gelegenheit, das Gastgeberland als führend in der Armutsbekämpfung und im Einsatz für die Erreichung von Nachhaltigkeit bei der Nutzung natürlicher Ressourcen zu profilieren, bisherige Erfolge im Kampf gegen die Tropenwaldzerstörung aufzuzeigen und neue zielführende Ideen und Erfolg versprechende Instrumente vorzustellen.
Der Präsident der Gesellschaft für Tropenökologie (gtö)
Prof. Dr. Karl Eduard Linsenmair
im Namen des Präsidiums und des Wissenschaftlichen Beirats der gtö
April 20 2007 | NEWS | No Comments »